„Nicht mit der Brechstange!“

Interview: „Nabu“-Kreisvorsitzender Rüdiger Viessmann zum Ausbau der erneuerbaren Energien im Donnersbergkreis

KIRCHHEIMBOLANDEN. Ob Biogasanlagen, ob Windräder, ob Fotovoltaikanlagen – fast überall, wo sie im Kreis gebaut werden sollen, regt sich Widerstand. Oft führen die Gegner der als „sauber“ etikettierten alternativen Energieerzeugung Naturschutzgründe ins Feld. Unsere Redakteurin Anja Hartmetz hat sich mit Rüdiger Viessmann, dem Kreisvorsitzenden des Naturschutzbundes (Nabu), mit rund 3000 Mitgliedern einer der größten Vereine im Kreis, über diese Problematik unterhalten.

 

Hartmetz: Herr Viessmann, wie steht der Nabu zu dem, was derzeit im Kreis in Sachen erneuerbare Energien passiert?

 

Viessmann: Der Nabu ist absolut für erneuerbare Energien, ich fühle mich aber verpflichtet, mich dafür einzusetzen, dass die Natur nicht zu sehr beschädigt wird. Was in unserem Kreisgebiet passiert, ist nicht mehr tolerierbar und auch nicht mehr nachzuvollziehen.  

Sorgfalt sollte eigentlich immer vor Tempo gehen, hier ist es aber genau umgekehrt. Wir warnen davor, solche Projekte mit der Brechstange umzusetzen!

 

Hartmetz: Können Sie das konkretisieren?  

 

Viessmann: Es gibt Standorte, die sind tolerierbar, und andere nicht. Wir wehren uns zum Beispiel gegen Windkraftanlagen im Wald, wie dies in Göllheim und auf dem Bocksrück bei Winnweiler geplant ist. In Göllheim gibt es seltene Fledermauspopulationen, und in Winnweiler gibt es Wanderkorridore für Wildkatzen.  

Wir sind der Meinung,dass das bei der Planung berücksichtigt werden müsste. Der Standort Hungerberg mit seinen zur Zeit zehn geplanten Windkraftanlagen für die Verbandsgemeinde Kirchheimbolanden und drei für die VG Göllheim ist ebenfalls kritisch zubeurteilen:  

Hier gehen die Zugwege für Kraniche und Rotmilane direkt durch. Man sollte auch an das Landschaftsbild denken. Wir haben bisher im Kreis zirka 40 Anlagen. Weitere 90 sind bereits projektiert, und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange, da kann man zusehen, wie das Landschaftsbild sich verändert.

 

Hartmetz: Aber ganz planlos verläuft das ganze nicht...

 

Viessmann: Es gibt ein Landesentwicklungsprogramm, das sollte aber auch mit allen Beteiligten abgestimmt werden, was so nicht geschehen ist. Da sollten zum Beispiel auch Ausschlussflächen genannt werden. Dank unserer Intervention wurde da zwar inzwischen nachgebessert, aber die Verlegung der Standortentscheidung auf die unterste Ebene, also die Kommune, ist falsch. Es überfordert die Kommunen einerseits und begünstigt auch den Wildwuchs.  

Das scheint aber auch von der Kreisverwaltung so gewollt.

 

Hartmetz: Welche Alternativen gäbe es? Man darf doch davon ausgehen, dass Sie auch für den Ausstieg sind?
(vgl. ebenso: das von der Rheinpfalz geführte Interview mit Progoellheim)

 

 

Viessmann: Absolut. Aber so, wie das den Kommunen überlassen wird, kann kein geordneter Ausbau stattfinden. Wenn es langsamer ginge und die Planung sorgfältiger wäre, müssten wir gar nicht über Alternativen reden.

 

Hartmetz: Sie kritisieren unter anderem auch den Hungerberg in der VG Kirchheimbolanden als Standort für Windräder.  

Die VG hat aber eigens einen Flächennutzungsplan aufgestellt, um zu erreichen, dass Energieanlagen nur an den dafür geeigneten Standorten errichtet werden. Sie sagen aber, dass dort Vogelzugwege verlaufen. Heißt das, dass nach Ihrem Verständnis dort keine Anlagen gebaut werden sollten?    

 

Viessmann: Wir haben im Rahmen der Anhörung der Träger öffentlicher Belange dazu Stellung genommen. Unserer Meinung nach müsste man die Zahl der Anlagen auf dem Hungerberg reduzieren. Übrigens auch auf der Kriegsfelder Höhe aus dem Wald rausgehen.

 

Hartmetz: Gäbe es aus Ihrer Sicht bessere Standorte?

 

Viessmann: Es gibt mit Sicherheit Standorte, die für die Natur verträglicher sind. Aber erst einmal sollten die vorhandenen Standorte, die eh schon negativ belastet sind, massiv ausgebaut und kleinere Anlagen durch leistungsstärkere ersetzt werden. Bei allen Standorten, die jetzt in der Projektierung sind, sind seitens der Naturschützer Einwände gemacht worden. Wir sind der Meinung, dass es schon als Bedingung in die Genehmigung hineingeschrieben werden sollte, dass die Anlagen zu Vogelzugzeiten oder in den Abendstunden wegen der Fledermäuse abgeschaltet werden müssen. Das wäre über’s Jahr ein Effizienzverlust von drei bis vier Prozent und sollte Teil der Genehmigung sein.

 

Hartmetz: Aber es ist Ihnen schon klar, dass der Ausstieg aus der Atomenergie ganz ohne solche Anlagen nicht machbar ist?  

 

Viessmann: Unsere Sorge ist, dass unsere Donnersberger Landschaft durch die zusätzlichen Anlagen eine industrielle Überprägung bekommt. Das würde übrigens auch die Bestrebungen der vergangenen Jahre um den Tourismus konterkarieren. Durch die Aufstockung der Anlagen auf viele Standorte gehen die Rückzugsgebiete für die Natur verloren. Einhergehend damit ist dann auch ein Artenschwund. Nach unserer Erkenntnis ist der Donnersbergkreis der artenreichste Landkreis in ganz Rheinland-Pfalz. Nach der Umsetzung der Energiewende wie sie jetzt passiert, wird dies nicht mehr so sein!

 

Hartmetz: Wie sieht es aus Ihrer Sicht mit der Solarenergie aus?

 

Viessmann: Was die Freiflächenanlagen für Solarenergie angeht: Die sind überflüssig! Es gibt absolut genügend Dächer von Industrieanlagen, man müsste das den Inhabern von Betrieben aber besser schmackhaft machen. Man bekommt immer gesagt, dass die davor zurückschrecken, sich auf 20 Jahre festzulegen, denn in dieser Zeit können sie baulich nichts verändern. Aber daran müsste seitens der Behörden und der Politik stärker gearbeitet werden. Die Dachflächen könnten, gut genutzt, die Freiflächen kompensieren. Für private, kommunale und industrielle Fotovoltaikbetreiber lohnt sich bei den für die Zukunft erwarteten Preissteigerungen für Strom und den abgestürzten Preisen für die Anlagenherstellung eine Eigenversorgung allemal.

 

Hartmetz: Was halten Sie von Biogasanlagen?  

 

Viessmann: Speziell bezogen auf die geplante Biogasanlage in Göllheim: Windkraft in diesem Bereich würde ich weniger kritisch sehen. Biogas hingegen ist das Ineffizienteste, was es überhaupt gibt.   

Allein der Ausdruck "Bio"gas  soll wohl eine positive Einstellung erzeugen. Eigentlich müsste man das „Maisverstromung“ nennen!  

 

Die Landwirte, die die in Göllheim geplante Biogasanlage beschicken wollen, sprechen davon, dass der Maisanteil nur einen geringen Teil der Anbaufläche umfassen soll. Sie haben mehrfach betont, dass von einer Monokultur, wie anderswo, wo Biogasanlagen ganz andere Dimensionen haben, keine Rede sein wird. Aber dann muss das Einzugsgebiet vergrößert werden. Dann werden automatisch die Transportwege länger. Was die Anlage selbst angeht, käme es darauf an, ob sich der Maisanbau konzentrieren würde, oder nicht. Bei verstärktem Maisanbau stellt sich nämlich auch die Frage nach den Wildschweinen – je mehr Mais, desto größer die Wildschweinplage.  *

(Hinweis Progoellheims: vgl. ebenso Stellungnahme des  

Naturschutzverbands POLLICHIA von Herrn B. Schmitt)  

 

Hartmetz: Biogas hat im Augenblick noch seinen festen Platz im Energiemix. Fachleute sagen nach wie vor, dass der Energiemix noch gebraucht wird.   

(Hinweis Progoellheims: vgl. Leopoldina_Studie 2012) 

 

Viessmann: Der Hauptvorteil von Biogas ist, dass es speicherbar** ist. Andererseits habe ich noch kein Gutachten gesehen, das zu dem Schluss gekommen wäre, das jeweilige Projekt sei nicht empfehlenswert.  

Da kann man schon auf die Idee kommen, dass das in einem gewissen Sinn Auftragsgutachten sind!  

Ich denke, wenn ein Großteil der jetzt geplanten Projekte bis zu den nächsten Landtagswahlen umgesetzt wird, kann es passieren, dass die Grünen so abgestraft werden, dass die Frage ist, ob sie überhaupt noch im Landtag sein werden. Die Grünen sind die Hauptakteure dieser Energiewende, und es ist nicht zu verstehen, dass die SPD das alles so mitträgt, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung das nicht will. Die Grünen haben sich hier in Rheinland-Pfalz in Sachen Naturschutz vom Paulus zum Saulus entwickelt. (Anmerk. Progoellheims: vgl. Stellungnahme der Günen im Donnersbergkreis)   

und Ausnahmen bestätigen die Regel: Stellungnahme der Kaiserslauterer  

Grünen Kreisvorsitzenden Frau Dr. Freia Jung–Klein)  

 

 

Hartmetz: Sind Sie sicher, dass es eine Mehrheit ist, die das nicht will?  

 

Viessmann: Wir haben keine genauen Zahlen, weil sich die Leute natürlich meist erst dann äußern, wenn sie konkret betroffen sind. An Beispielen im Kreis kann man auf jeden Fall sehen:  

Wenn es den eigenen Ort betrifft, sind die Leute sofort auf den Barrikaden. Das Problem ist auch, dass Argumente, die die Gegner bringen, grundsätzlich sehr schnell vom Tisch gewischt werden.

 

Hartmetz: Muss man nicht gewisse Einschnitte in Kauf nehmen, wenn man von der Atomkraft weg will?  

(vgl. Rheinpfalz- Interview mit Progoellheim)  

 

Viessmann: Wenn allein 130 Windkraftanlagen im Kreis gebaut werden, sieht er nicht mehr so aus, wie er jetzt ist. Da haben wir von Fotovoltaik und Biogas noch nicht einmalgesprochen. Wie gesagt, wir sind für den Ausstieg aus der Atomenergie. Aber es müsste von oben geregelt und geplant sein. So wie im Augenblick die Kommunen damit alleingelassen werden, kann kein geordneter Ausbau der alternativen Energieanlagen stattfinden.

Hartmetz: Ein Abschied von der Atomenergie ohne zu viele Windanlagen, ohne Biogas und ohne Freiflächenfotovoltaik.... gleicht das nicht ein bisschen der Quadraturdes Kreises?

 

Viessmann: Unsere Hoffnung ist, dass die Technik sich so weiterentwickelt, dass diese Massen von Anlagen bald nicht mehr erforderlich sind. Das hatte ich auch gemeint, als ich eingangs davor warnte, all die angedachten Maßnahmen zu schnell durchzupeitschen. Sorgfalt vor Tempo, das ist unser Credo. Technische Verbesserungen sind bereits auf dem Weg. In ein paar Jahren könnte es beispielsweise soweit sein, dass sich Rotoren von Windkraftanlagen horizontal drehen können.

 

Hartmetz: Die brauchen doch aber genauso viel Platz, wie die vertikalen...  

 

Viessmann: Ja, aber horizontale Rotorblätter sind zumindest weniger gefährlich für Vögel und Fledermäuse. Unsere Angst ist, dass es bis dahin schon einen irreparablen Schaden gegeben hat.


Hartmetz: Ob vertikal oder horizontal, am Landschaftsbild würde sich trotzdem nicht viel ändern...

 

Viessmann: Das zwar nicht, aber unser Hauptanliegen ist ja ohnehin die Naturverträglichkeit. Aber ich komme noch einmal auf das zurück, was ich bereits mehrfach gesagt habe:  

Man müsste die Standorte besser prüfen. Es müssen aber Prüfungen über längere Zeiträume sein. Da, wo Fledermäuse gestört werden, müssten Ersatzhabitate geschaffen werden. Diese Vorgehensweise können wir momentan nirgends sehen.  

Wenn etwas erst einmal projektiert ist, wird es auch umgesetzt.
 

Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Donnersberger Rundschau
Ausgabe: Nr.298
Datum: Samstag, den 22. Dezember 2012
Seite: Nr.14
"Deep-Link"-Referenznummer: '91_6077031'
Präsentiert durch DIE RHEINPFALZ Web:digiPaper

 

 

Anmerkungen Progoellheims:   

 

* Eines der wichtigsten Argumente, welches gegen geplante NawaRo-"Bio"gasanlagen spricht, findet leider keine Erwähnung:

Steigende Kosten für Grundnahrungsmittel aufgrund der "Flächenversieglung" des Energiepfalzenanbaus   

(10 Quadratkilometer im Fall Göllheim!)  -  nicht nur in Deutschland, sondern vor allem in den Entwicklungsländern
=
weltweit steigender Hunger!!!   


bitte hier klicken und weiterlesen!  


 

** Rückenwind für die Energiewende -  

      Windkraft ist speicherbar! 

Die sinnvolle Alternative zum Energiepflanzenanbau für  

NawaRo-"Bio"gasanlagen:   

proWindgas von Greenpeace Energie